Jörg Krenke | Architekturtheorie



Die Sprache der Formen

Die Formensprache der Natur ist die Urmutter aller Sprachen.
Es gibt keine Form ohne Informationen und keine Information ohne Formen.

Formensprachen erlernt man unmittelbar am Ort des Geschehens.
Ohne Naturstudium und systematisierte Wissen gibt es heute keine Kenntnisse über Naturformen und keine sinnvolle Sprache der Architektur- und Technikformen.

Wer eine komplizierte Schriftsprache beherrscht, kann auch Formensprachen erlernen. Vor allem, da Formensprachen im Verhältnis zu Schriftsprachen zunächst sehr viel einfacher zu verstehen und alle Vokabeln und Regeln, die für das praktische Gestalten mit Formen benötigt werden, in unserem Unterbewusstsein längst vorinstalliert sind.

Die Sprachen der Formen werden an Hochschulen nicht gelehrt.
Sprachenlehre ist Aufgabe allgemeinbildender Schulen. Ein Grundwissen im Bereich der Formensprachen, das an ererbte Fähigkeiten anknüpft, kann auch an allgemeinbildenden Schulen bisher nicht erworben werden.

Da im Grundlagenstudium das Versäumnis der allgemeinbildenden Schulen nicht nachgeholt wird und ein Naturstudium, das diesen Namen verdient, bei Architekten und Bauingenieuren in der Regel nicht üblich ist, bleiben viele bis zum Ende ihrer beruflichen Laufbahn Analphabeten in der Sprache ihrer eigenen Kunst. Sie halten die Funktionsformen der Architektursprache für Schnick-Schnack, Ornamente, Arabesken und überflüssige „Staubfänger“.

Auf der anderen Seite wundert man sich dann, warum der geplante Platz, im Grunde eine unbebaute Fläche zwischen den Häusern bleibt und einfach nicht die erwünschte Platzwirkung erreicht, ganz gleich wie man die Gipsklötzchen auf dem Bebauungsplan hin und her schiebt. Der geplante Platz bleibt eine unbestimmte Lücke im Stadtbild und eine „zugige Kanalkreuzung“, aus der der Raum entweicht, wie der Sand zwischen den Fingern, wo doch die alten Plätze Würde und Ruhe ausstrahlen und den Menschen den Eindruck von Geborgenheit geben.
Ganz einfach: Den Menschen wird mit der Sprache der besonderen Formen und den Regeln des Zeichengebrauchs gesagt, dass sie hier sicher und glücklich leben können. Die Menschen freuen sich, sie wissen nicht warum, aber sie sagen:
„Hier ist es schöön!“

Für die Praxis der Formensprachen braucht man eine Ordnung der Zeichen, eine Formengrammatik und die wichtigsten Formenvokabeln, wie in jeder anderen Sprache auch.
Für das, was sich kompliziert anhört, gibt es multifunktionale Zeichenstrukturen, die den Arbeitsgang sicher leiten. Auch hier gilt die Regel: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Eine schwer zu durchschauende Regel erklärt sich ganz einfach durch das richtige Bild. Formensprache ist Bildersprache.

Wer Formen zusammensetzt, sollte wissen, dass er nicht nur neue Konstruktionen, sondern gleichzeitig und unvermeidbar auch neue Informationen erzeugt, sollte kontrollieren können, ob er mit seinen Formen neue, sinnvolle Nachrichten verbreitet oder längst bekannte oder sogar peinliche Botschaften baut, die im eigenen Interesse besser schnellstens aus dem Stadtbild verschwinden sollten.

Meine Mittel und Methoden sind stringent, weil sie in der Praxis funktionieren.
Regeln für die Praxis müssen einfach, logisch und wirksam sein. Kompliziert ist der Prozess der Gestaltung technischer und geistiger Funktionen einer Baukunst. Dieser Vorgang, der sich über eine gewisse Zeit erstreckt, verlangt Fähigkeiten die Dinge und ihre Zeichen Schritt für Schritt, hinsichtlich ihrer Möglichkeiten und Konsequenzen bis zu Ende richtig zu durchdenken und einschätzen zu können.

Wer einen schöpferischen Gedanken sucht, frage die Natur um Rat.
Physiker halten die Natur für die größte Ideensammlung der Welt.
Vermutlich haben wir bald eine neue Baukunst, wenn junge Architekten das auch so sehen. Technische Voraussetzungen und Begabungen sind reichlich vorhanden.
Eine neue Baukunst ist eine Frage der Formensprache.